720 Millionen Euro Vermögensabschöpfung bei einer russischen Bank wegen Embargo-Verstoß.

Die Schlagzeile klingt nach Gerechtigkeit. Nach hartem Durchgreifen. Nach einem klaren Signal.

Aber wenn ich als Außenwirtschaftsrechtler diese Zahl sehe, denke ich an etwas ganz anderes.

Ich denke an den deutschen Mittelständler, der Freitag seinen Deal abgeschlossen hat. Am Montag traten neue Sanktionen in Kraft. Die Lieferung hätte raus gehen sollen.

Hätten wir ihn nicht gewarnt, wäre er jetzt in derselben Falle.

Russische Banken haben keine Wahl

Bei russischen Banken ist die Sache klar. Das ist politische Steuerung. Die haben gar keine andere Möglichkeit, als Sanktionen zu ignorieren.

Aber deutsche Unternehmen? Die haben diese Rückendeckung nicht.

Ich habe in meiner Beratung Unternehmen gesehen, die ausschließlich mit russischen oder belarussischen Partnern gearbeitet haben. Von heute auf morgen war ihr komplettes Geschäftsmodell illegal.

Selber Schuld, könnte man sagen. Wer alle Eier in einen Korb legt, muss mit den Konsequenzen leben.

Aber mal ehrlich: Hätte ein Mittelständler 2020 wirklich damit rechnen müssen, dass seine Russland-Geschäfte über Nacht verboten werden?

Kein Totalembargo aber totales Chaos

Hier liegt das eigentliche Problem.

Wir haben kein Totalembargo. Es gibt noch Sachen, die erlaubt sind. Aber so viele Bereiche sind sanktioniert, und die Rechtslage ändert sich so schnell, dass Unternehmen kaum Schritt halten können.

Seit Beginn der RusslandSanktionen gab es 19 Sanktionspakete in weniger als drei Jahren.

Alle paar Monate kommen Anpassungen. Die Rechtsprechung verlangt, dass Unternehmen jeden Tag das Amtsblatt lesen.

Jeden. Tag.

Das ist absolut illusorisch für einen Mittelständler mit einer Person für Compliance. Deshalb stellen viele ihr Geschäft lieber komplett ein, als sich damit auseinanderzusetzen.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Das macht die Sache so problematisch.

Wenn ein Mittelständler unwissentlich gegen eine neue Sanktion verstößt, kann er sich nicht darauf berufen, dass er die Rechtslage nicht kannte.

Die Strafen sind drastisch: Bis zu fünf Jahre Haft bei vorsätzlichen Verstößen. Geldstrafen bis zu 500.000 Euro bei Fahrlässigkeit.

Das System ist so gebaut, dass Verstöße quasi vorprogrammiert sind. Kleine Mittelständler ohne eigene Compliance-Abteilung haben im Prinzip keine Chance.

Es sei denn, sie lassen sich extern proaktiv beraten.

Freitag Deal Montag Sanktionen

Ich hatte Mandanten, die haben Freitag ihren Deal abgeschlossen. Am Montag sind neue Sanktionen in Kraft getreten. Die Ware sollte noch geliefert werden.

Fast keiner hatte das auf dem Schirm.

Wir mussten die Lieferung stoppen. Nur weil wir das Unternehmen rechtzeitig informiert hatten.

Wer das Risiko trägt, richtet sich danach, was im Vertrag vereinbart wurde. Aber die wenigsten Unternehmen haben Klauseln vorgesehen, wie mit plötzlicher Sanktionierung umzugehen ist.

Seit 2022 sind Sanktionen Dauerthema. Trotzdem bauen Unternehmen diese Absicherung nicht standardmäßig ein.

Die nächste Welle kommt

Russland ist nicht das Ende.

Wenn China seine Pläne bezüglich Taiwan umsetzt, werden in einem komplett anderen Bereich Sanktionen eintreten. Viele Mittelständler sind massiv von chinesischen Lieferanten oder Abnehmern abhängig.

Deutsche Exporte nach Russland brachen zwischen März und Juni 2022 um 55 Prozent ein. Bei China wären die Folgen noch drastischer.

Ich sehe Unternehmen, die jetzt in Richtung Indien schauen. Die diversifizieren ihre Lieferketten. Die Welt ist komplex geworden, und es war historisch nie gut, alle Eier in einen Korb zu legen.

Drei Schritte für Montag früh

Wenn ein Mittelständler zu mir kommt und sagt: „Ich will meine Lieferkette sanktionssicherer machen“, dann empfehle ich drei konkrete Schritte.

Erstens: Bestehende Verträge überprüfen und Ausstiegsklauseln für den Fall von Sanktionen einbauen.

Zweitens: Einen Prozess etablieren, wer wann wie wo im Unternehmen aktuelle Rechtsentwicklungen im Blick hat.

Drittens: Entsprechenden Versicherungsschutz prüfen. Managerrechtsschutz, D&O-Versicherung. Was ist eigentlich versichert, wenn es unwissentlich zu Verstößen kommt?

Das sind keine theoretischen Maßnahmen. Das sind praktische Schritte, die man Montag früh umsetzen kann.

Die Sanktionslandschaft wird komplexer nicht einfacher

Meine ehrliche Einschätzung: In den nächsten Jahren wird die Sanktionslandschaft komplexer, nicht einfacher.

Im Moment ist nicht absehbar, dass Russland den Krieg beendet. Gleichzeitig beginnt ein neuer Handelskrieg zwischen China und den USA.

Wer weiß, welche Sanktionen noch kommen werden.

Die 720 Millionen Euro Strafe für die russische Bank sind eine Schlagzeile. Aber die eigentliche Geschichte spielt sich in den Büros deutscher Mittelständler ab.

Dort entscheidet sich jeden Tag, wer in die Sanktionsfalle tappt und wer rechtzeitig ausweicht.

Dieser Artikel wurde am 26. Oktober 2025 erstellt.

Ihr Ansprechpartner

  • Anton Schmoll

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  • Rechtsanwalt Anton Schmoll berät im Zollrecht, zum Außenwirtschaftsgesetz und zur Verbrauchssteuer. Er ist seit 2013 für die Kanzlei tätig und hat seitdem in zahlreichen Verfahren vor dem Bundesfinanzhof und der Europäischen Kommission das Zollrecht maßgeblich weiterentwickelt.